"Der Traum der Vernunft Gebiert Ungeheuer"

Eine 30-teilige Werkserie entstanden während der Corona Krise von März bis Juni 2020 in der Schweiz. Mirko Kircher, oder MIKKI, wie er sich seit neuestem nennt, hat während dem Lockdown in der Schweiz verschiedene Malerinnen und Maler zu sich in die Garage eingeladen oder hat sich in andere Ateliers einladen lassen, um gemeinsam zu malen. Räusche, rasche Gesten und Rhythmus haben den Akteurinnen und Akteuren eine starke Ausdruckskraft gegeben und abruptes Abbrechen, Ruhe und Reduktion haben diese Kraft kanalisiert. Das kann nur gelingen, wenn sich Malerinnen und Maler verstehen, aufeinander hören und schauen, einander vertrauen, ernsthaft das Zusammenspiel in Form sowie in Inhalt betreiben, Überraschungen, Flauten, Kehrtwendungen, Aus- und Abbrüche zulassen.  

In der Gruppenmalerei haben wir sehr schnell eine gemeinsame Formsprache und Arbeitsdynamik entwickelt. Dabei haben Malerinnen und Maler automatisch spezifische Funktionen eingenommen, wie die Initiantin oder der Initiant, die Expressive oder der Expressive, die Formgebende oder der Formgebende, die Dekonstruierende oder der Dekonstruierende etc. Bei der gemeinsamen schöpferischen Tätigkeit inspirieren sich alle teilnehmenden Parteien durch ihre individuellen künstlerischen Techniken und Strategien gegenseitig. Konkrete Gesten, kompositorische Strategien und einzelne Motive oder Farbkombinationen, welche ich beobachtete, habe ich in Einzelarbeit versucht zu kopieren, was teils gelungen ist, teils nicht. Die stärksten Bilder aber sind für mich eindeutig diejenigen, welche in der Gruppe entstanden sind. Schlussfolgernd ist eine symbiotische Malerei von mehreren Akteurinnen und Akteuren mehr als die Summe ihrer Teile.

"Fuck you Corona, I keep moving creating, producing and sharing life while you start to paralyze, petrify and take everything away. Our paintings represent the mark/trace/scar of all this 'conversation' with the Corona crisis. It's about how to fight, adapting yourself, in a crisis situation, how you continue to transform things in living things when something big, dramatic, freezing, terrifying, deadly occurred."

- Laura Rivanera

Die Corona Krise und der damit einhergehende Lockdown haben viele Menschen sozial eingebunkert. Unsere Partner- und Gruppenmalereien sind kein Akt der Verzweiflung, wegen sozialer Verkümmerung durch Einbunkerung, viel mehr haben wir endlich Mal Zeit gefunden unsere künstlerischen Praxen zu reflektieren und hinterfragen, die eigene künstlerische Arbeit nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu evaluieren, um zu erkennen, dass für uns die Auseinandersetzung mit anderen Künstlerinnen und Künstlern und das gemeinsame Tun im Mittelpunkt stehen. Wir möchten aufrichtige Partnerschaften, Freundschaften, gemeinsames schöpferisches Wirken kultivieren, um zwischenmenschlich wie künstlerisch in die Tiefe zu gehen. Wir haben den Sinn in der Magie des Moments erkannt und bedauern gleichzeitig eine über den Moment hinaus andauernde globale Katastrophe durch Ausbeutung anderer Menschen, anderer Länder, des Planeten und letztendlich seines eigenen Geistes; denn der moderne Mensch lebt heute in einer Matrix und Social Media, Netflix und Co. sind ihm wichtiger als Pflanzen, Tiere, frische Luft und ein klarer Geist.

Wir haben uns zusammengeschlossen und neue soziale Räume in unseren Ateliers und in unseren Bildern geschaffen, in denen wir unseren Gefühlen Ausdruck geben konnten; sei es durch das Malen im Moment in der Gruppe oder in den Figuren, Formen und Räumen der gemalten Bilder. Erhabene Fabelwesen, Götter des Waldes und die überdauernde Welt der Tiere und Pflanzen stehen der Welt des Menschen gegenüber, welche dystopisch und hoffnungslos ist, und der Mensch löscht sich aus, löst sich auf.
Wir sind die Romantikerinnen und Romantiker, welchen Francisco de Goya im 18. Jahrhundert den Rücken kehrte und sind gleichzeitig Francisco de Goya selber. Wir kritisieren die moderne Welt, den Kapitalismus und die Brutalität der Gesellschaft und sind selber Teil davon. Die Werkserie "Der Traum der Vernunft Gebiert Ungeheur" ist Bestandsaufnahme und Faust in die eigene Fresse zugleich. Wir sind die traurigen Romantikerinnen und Romantiker des 21. Jahrhunderts und wir mobilisieren uns für mehr Psychopharmaka jetzt und für eine respektvolle, nachhaltige und zauberhafte Zukunft danach.

MIKKI, Neuenegg, Juni 2020